Plotlöcher, schiefe Töne und sonstige Unzulänglichkeiten
#1
Ich poste es mal hier, weil es sich nicht ausdrücklich aufs Schreiben bezieht, sondern alle Formen von Kunst einschließt. Die Frage lautet: Ab wann nehmt ihr Fehler bewusst wahr, sodass sie wirklich stören?

Es gibt Genres - sei es nun Film, Bücher oder Musik - in denen unrealistische Szenarien oder auch schiefe Töne (Trinklieder z. B., wenn das nicht besoffen gesungen wird, wo bleibt da der Spaß?) einfach dazu gehören. Es ist regelrecht normal, dass in einem Krimi zugunsten der Spannung die Realität ein wenig zur Seite geschoben wird. Natürlich besteht ein Fantasy-Roman (oder Film) aus "wildem Zeug", natürlich braucht ein Liebesfilm eine Portion Kitsch usw.

Ab wann sagt ihr: Das ist derart absurd / schlecht (im Sinne von unlogisch) geschrieben / blödsinnig / schief gesungen, dass es keinen Spaß mehr macht, diese Unzulänglichkeit als "liebenswert" und "dazu gehörig" hinzunehmen und aus Gründen der Unterhaltung mit einem Schulterzucken zu tolerieren?

Bei mir ist es eine Berufskrankheit, jedes Plotloch, sei es in einem Roman oder in einem Film, umgehend zu wittern wie ein Bluthund auf der Jagd. Ich kann das nicht abschalten. Ist etwas aber dennoch gut gemacht (in seiner Basis) und unterhaltsam, bin ich in der Lage, es zu ignorieren. "Ja, klar, das ist ein Fehler / das ist unlogisch, macht aber trotzdem Spaß, also sch*** drauf."

Dennoch komme ich wahrscheinlich schneller an die Grenze der Toleranz als andere.
Wie komme ich nun auf dieses Thema? Ich bin bei etwas an genau so eine Grenze gestoßen. Andere hingegen rezensieren diesen Handlungsstrang ernsthaft, teilweise sogar positiv - und ich begreife es einfach nicht. Man muss nur eine einzige Frage stellen (z. B. Wie ist sie dahin gekommen?) und die gesamte Storyline bricht in sich zusammen und offenbart sich als Geschreibsel eines 12-Jährigen, der keine Ahnung vom Leben hat. Es ist so unfassbar dumm, schwachsinnig, komplett - und auf eine üble Weise - an der Realität vorbei und so idiotisch, dass mir dafür die Worte fehlen. Ich habe in meiner ganzen Zeit als Lektorin noch nie so einen Müll gelesen. (Es handelt sich hierbei nicht um das Werk eines "meiner" Autoren.)

Es ist völlig unwichtig, um was es geht, mich interessiert, wie es sein kann, dass andere das nicht merken. Ich glaube nicht, dass man Autor/Lektor sein muss, um den Fehler zu sehen. Aber vielleicht lesen / sehen / hören andere ja anders - nicht im Sinne von Wahrnehmung, sondern stellen sich andere überhaupt die Frage nach Sinn, Zweck und Qualität?

Ab wann also stört euch etwas in einem Buch / Film / Musikstück, das ihr prinzipiell gut findet? Man könnte auch fragen: Wie konsumiert ihr und spielt die Frage nach der Qualität überhaupt eine Rolle, wenn etwas schlicht "gefällt"?
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#2
(04.02.2016, 13:48)Lilian schrieb:  Aber vielleicht lesen / sehen / hören andere ja anders - nicht im Sinne von Wahrnehmung, sondern stellen sich andere überhaupt die Frage nach Sinn, Zweck und Qualität?

Ab wann also stört euch etwas in einem Buch / Film / Musikstück, das ihr prinzipiell gut findet? Man könnte auch fragen: Wie konsumiert ihr und spielt die Frage nach der Qualität überhaupt eine Rolle, wenn etwas schlicht "gefällt"?

D Du erinnerst Dich an meine Frage vor ein paar Tagen, wie Du außerhalb der Arbeit liest? Ja, Du liest definitiv anders als der Durchschnittsleser, ob es Dir gefällt oder nicht. Genauso wie ich anders Musik höre. Ich kann nicht prozentual festlegen, wo bei mir die Grenze zwischen "Geiler Song als Ganzes!" (was ich in der Regel immer versuche) oder "Der Ton oder der Teil nervt mich jetzt aber richtig!" liegt. Zumal ich immer noch auch Musikfan bin. Ich bekomme diese für mich persönlichen Dissonanzen natürlich mit, und je nachdem wie streng das Urteil nach der (un)bewussten Analyse ausfällt, kommt es nach oben oder eben nicht. D Oder so. Wenn generell vieles toll ist, werden Schwächen natürlich auch leichter überhört, vernachlässigt. Jgs
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#3
(04.02.2016, 14:16)Retron schrieb:  D Du erinnerst Dich an meine Frage vor ein paar Tagen, wie Du außerhalb der Arbeit liest? Ja, Du liest definitiv anders als der Durchschnittsleser, ob es Dir gefällt oder nicht. Genauso wie ich anders Musik höre. Ich kann nicht prozentual festlegen, wo bei mir die Grenze zwischen "Geiler Song als Ganzes!" (was ich in der Regel immer versuche) oder "Der Ton oder der Teil nervt mich jetzt aber richtig!" liegt. Zumal ich immer noch auch Musikfan bin. Ich bekomme diese für mich persönlichen Dissonanzen natürlich mit, und je nachdem wie streng das Urteil nach der (un)bewussten Analyse ausfällt, kommt es nach oben oder eben nicht.  D  Oder so. Wenn generell vieles toll ist, werden Schwächen natürlich auch leichter überhört, vernachlässigt.  Jgs

Sagen wir mal, bei dem Beispiel handelt es sich um eine Band. Das Debütalbum war geil. Es gab ein paar "Fehler", aber alles in allem war es saugut.
Das zweite Album wies schon viel mehr Songs auf, mit denen so manches nicht stimmte.
Jetzt hast du es mit dem dritten Album zu tun, und das fängt schon nicht ganz so geil an. Immer noch viel Schönes dabei, aber wenn du an das Debütalbum denkst, kommst du nicht umhin, zu sagen, dass es nicht ranreicht. Jetzt kommst du zu einem Song, an dem absolut gar nichts stimmt. Du kannst nicht anders, als zu sagen, dass er k*** ist.
Dann liest du Rezensionen zu dem Album und gerade dieser Song wird gelobt, wobei vor allem die Komposition und die Spielweise gelobt werden (also etwas, was man halbwegs objektiv einordnen kann) - denkst du dann: "Das ist halt deren Geschmack?" Oder stehst du (ähnlich wie ich) davor und denkst: "Dafür muss man aber schon sehr tolerant sein."? D

Und klar, ich lese natürlich anders. Ich versuche sozusagen gerade (einigermaßen objektiv) zu verstehen, wie man zu dem Urteil gelangen kann, die angesprochene Handlung wäre "gut und interessant". (Also ohne: "Es ist mal Fakt, dass das shice ist." D )
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#4
(04.02.2016, 14:31)Lilian schrieb:  Sagen wir mal, bei dem Beispiel handelt es sich um eine Band. Das Debütalbum war geil. Es gab ein paar "Fehler", aber alles in allem war es saugut.
Das zweite Album wies schon viel mehr Songs auf, mit denen so manches nicht stimmte.
Jetzt hast du es mit dem dritten Album zu tun, und das fängt schon nicht ganz so geil an. Immer noch viel Schönes dabei, aber wenn du an das Debütalbum denkst, kommst du nicht umhin, zu sagen, dass es nicht ranreicht. Jetzt kommst du zu einem Song, an dem absolut gar nichts stimmt. Du kannst nicht anders, als zu sagen, dass er k*** ist.
Dann liest du Rezensionen zu dem Album und gerade dieser Song wird gelobt, wobei vor allem die Komposition und die Spielweise gelobt werden (also etwas, was man halbwegs objektiv einordnen kann) - denkst du dann: "Das ist halt deren Geschmack?" Oder stehst du (ähnlich wie ich) davor und denkst: "Dafür muss man aber schon sehr tolerant sein."?  D

Und klar, ich lese natürlich anders. Ich versuche sozusagen gerade (einigermaßen objektiv) zu verstehen, wie man zu dem Urteil gelangen kann, die angesprochene Handlung wäre "gut und interessant". (Also ohne: "Es ist mal Fakt, dass das shice ist."  D )

Ich glaube, dass das eine dieser Endlos- und damit Sinnlos-Diskussionen ist, weil es eben tatsächlich Geschmacks-belastet ist. Was nützen mir Quintuple Polyrythmen mit gegenläufigen wiederkehrenden Themen, wenn der Song insgesamt shice oder sperrig rüberkommt? Macht es dann Sinn sich an den formalen Techniken aufzugeilen? Nein, weil es Kunst ist und Kunst gefallen, anstossen und meinetwegen auch schockieren will, aber im positiven Sinne. Keiner übt doch absichtlich eine Kunst aus, damit es alle shice finden?

Die Geschichte mit den etablierten Bands, die man zu Jugendzeiten geil fand und die immer noch aktiv sind, aber mit vermeintlich konsequent sinkender Leistung, hatten wir auch schon des öfteren. Da kommen wir nicht auf eine Meinung. D
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#5
(04.02.2016, 14:41)Retron schrieb:  Ich glaube, dass das eine dieser Endlos- und damit Sinnlos-Diskussionen ist, weil es eben tatsächlich Geschmacks-belastet ist. Was nützen mir Quintuple Polyrythmen mit gegenläufigen wiederkehrenden Themen, wenn der Song insgesamt shice oder sperrig rüberkommt? Macht es dann Sinn sich an den formalen Techniken aufzugeilen? Nein, weil es Kunst ist und Kunst gefallen, anstossen und meinetwegen auch schockieren will, aber im positiven Sinne. Keiner übt doch absichtlich eine Kunst aus, damit es alle shice finden?

Nicht unbedingt. Also sinn- und endlos. D
Ich meine auch nicht den Bereich "das ist Kunst und Kunst ist Geschmackssache", sondern echte handwerkliche Fehler. Also wirklich schiefe Töne, falsch gespielte Noten, jemand, der eine Platte aufnimmt, aber nicht mal sein Instrument beherrscht.
Ich erkenne im Bereich Literatur natürlich handwerkliche Fehler eher als ein Leser, aber ich frage mich eben, ob man dazu wirklich vom Fach sein muss.
Mit Musik kenne ich mich lange nicht so gut aus, aber wenn etwas schief ist, ist es schief. Und ich sage mal, wenn der Pogues-Sänger komplett besoffen "Dirty Ol' Town" lallt, stört mich das nicht, weil es trotzdem passt, aber wenn sich da jemand hinsetzt und falsche Töne auf dem Klavier klimpert, dann stört mich das schon - obwohl ich von Noten gar keine Ahnung habe.
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#6
(04.02.2016, 14:52)Lilian schrieb:  Ich meine auch nicht den Bereich "das ist Kunst und Kunst ist Geschmackssache", sondern echte handwerkliche Fehler. Also wirklich schiefe Töne, falsch gespielte Noten, jemand, der eine Platte aufnimmt, aber nicht mal sein Instrument beherrscht.

Ich erkenne im Bereich Literatur natürlich handwerkliche Fehler eher als ein Leser, aber ich frage mich eben, ob man dazu wirklich vom Fach sein muss.
Mit Musik kenne ich mich lange nicht so gut aus, aber wenn etwas schief ist, ist es schief. Und ich sage mal, wenn der Pogues-Sänger komplett besoffen "Dirty Ol' Town" lallt, stört mich das nicht, weil es trotzdem passt, aber wenn sich da jemand hinsetzt und falsche Töne auf dem Klavier klimpert, dann stört mich das schon - obwohl ich von Noten gar keine Ahnung habe.

Ach so... ja das ist natürlich noch wieder was anderes. Wenn jemand schlecht ist, ist er schlecht. Das kann funktionieren (vielleicht weil es sogar Absicht ist, siehe Trashfilme wie Sharknado Lol ich glaube man muss sogar unterscheiden zwischen gewollt schlecht und kann-nicht-anders-als-schlecht), muss aber nicht. Hängt vom Einzelfall ab.

[Bild: wenns-nicht-rockt.jpeg]
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#7
(04.02.2016, 14:57)Retron schrieb:  Ach so... ja das ist natürlich noch wieder was anderes. Wenn jemand schlecht ist, ist er schlecht. Das kann funktionieren (vielleicht weil es sogar Absicht ist, siehe Trashfilme wie Sharknado  Lol ich glaube man muss sogar unterscheiden zwischen gewollt schlecht und kann-nicht-anders-als-schlecht), muss aber nicht. Hängt vom Einzelfall ab.

In dem Beispiel wäre das Debütalbum bis auf ein paar Kleinigkeiten auch handwerklich gut gewesen. Nicht überragend, aber alles im Bereich: "Das ist Kunst und Kunst muss nicht immer qualitativ erstklassig sein, solange der Unterhaltungsfaktor stimmt."
Dann schleichen sich immer mehr handwerkliche Fehler ein, bis man sich fragt, ob die überhaupt was von Musik verstehen.
Wäre das von Anfang an gewollt schlecht oder kann-nicht-anders-als-schlecht gewesen, wäre es natürlich was anderes. Darauf lässt man sich ein, weil's trotzdem Spaß macht, oder lässt es bleiben.
Aber wenn man am Anfang den Eindruck hatte: Die meinen das ernst und wollen gut sein, und dann wird das handwerklich richtig mies, fällt einem das doch auch als Laie auf, oder nicht?
Das ist die Hauptfrage, die ich mir stelle. Ich habe eine ganze Reihe von Rezensionen gelesen, und kein einziger hat gemerkt, dass das handwerklich voll daneben ist. Dabei springt einen der Fehler wirklich an. Er würgt einen sozusagen. Lol
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#8
(04.02.2016, 15:09)Lilian schrieb:  In dem Beispiel wäre das Debütalbum bis auf ein paar Kleinigkeiten auch handwerklich gut gewesen. Nicht überragend, aber alles im Bereich: "Das ist Kunst und Kunst muss nicht immer qualitativ erstklassig sein, solange der Unterhaltungsfaktor stimmt."
Dann schleichen sich immer mehr handwerkliche Fehler ein, bis man sich fragt, ob die überhaupt was von Musik verstehen.
Wäre das von Anfang an gewollt schlecht oder kann-nicht-anders-als-schlecht gewesen, wäre es natürlich was anderes. Darauf lässt man sich ein, weil's trotzdem Spaß macht, oder lässt es bleiben.
Aber wenn man am Anfang den Eindruck hatte: Die meinen das ernst und wollen gut sein, und dann wird das handwerklich richtig mies, fällt einem das doch auch als Laie auf, oder nicht?
Das ist die Hauptfrage, die ich mir stelle. Ich habe eine ganze Reihe von Rezensionen gelesen, und kein einziger hat gemerkt, dass das handwerklich voll daneben ist. Dabei springt einen der Fehler wirklich an. Er würgt einen sozusagen.  Lol

Häh? Wo und wie soll denn sowas vorkommen? Haeh Dann ist es doch wohl eher so, dass da jemand garnicht wirklich selber gespielt/geschrieben hat, sondern jemand anders das für ihn erledigt hat.
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#9
(04.02.2016, 15:12)Retron schrieb:  Häh? Wo und wie soll denn sowas vorkommen? Haeh Dann ist es doch wohl eher so, dass da jemand garnicht wirklich selber gespielt/geschrieben hat, sondern jemand anders das für ihn erledigt hat.

Könnte man in dem Fall denken. Aber davon gehe ich nicht aus. Eher, dass sich das Autorenteam (ist ein Team, kein einzelner Autor) untereinander nicht abspricht, dass die Kontrolle nachgelassen hat, also dass sie vielleicht gerade keinen Lektor haben ... irgendwie so was. Vielleicht sind sie auch hoffnungslos zerstritten, weil sie sich über die Richtung nicht einigen können, was auch immer.
Das Niveau hat ganz allgemein stark nachgelassen, aber hier sehe ich es noch unter dem Aspekt "Kann man mögen, wenn man drauf steht." Oder auch: "Wenn man nicht so liest wie ich, guckt man über so was vielleicht hinweg und lässt sich einfach berieseln."
Aber der Fehler, den ich meine, ist so dicke, dass ich denke, dass man ihn gar nicht übersehen KANN. Auch ein Laie MUSS ihn einfach sehen. Und dann lese ich ausschließlich Positives darüber bzw. Fehlinterpretationen. Keiner hinterfragt das.
Daher drängte sich die Frage, wie andere Leute so was sehen / lesen auf. Vielleicht liegt es an mir, dass ich zu streng bin. Können doch nicht alle anderen einfach blind und doof sein.
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#10
(04.02.2016, 15:24)Lilian schrieb:  Könnte man in dem Fall denken. Aber davon gehe ich nicht aus. Eher, dass sich das Autorenteam (ist ein Team, kein einzelner Autor) untereinander nicht abspricht, dass die Kontrolle nachgelassen hat, also dass sie vielleicht gerade keinen Lektor haben ... irgendwie so was. Vielleicht sind sie auch hoffnungslos zerstritten, weil sie sich über die Richtung nicht einigen können, was auch immer.
Das Niveau hat ganz allgemein stark nachgelassen, aber hier sehe ich es noch unter dem Aspekt "Kann man mögen, wenn man drauf steht." Oder auch: "Wenn man nicht so liest wie ich, guckt man über so was vielleicht hinweg und lässt sich einfach berieseln."
Aber der Fehler, den ich meine, ist so dicke, dass ich denke, dass man ihn gar nicht übersehen KANN. Auch ein Laie MUSS ihn einfach sehen. Und dann lese ich ausschließlich Positives darüber bzw. Fehlinterpretationen. Keiner hinterfragt das.
Daher drängte sich die Frage, wie andere Leute so was sehen / lesen auf. Vielleicht liegt es an mir, dass ich zu streng bin. Können doch nicht alle anderen einfach blind und doof sein.

Na dann sag doch mal konkret um was für einen Fehler es sich denn handelt.
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